Der Asket macht aus der Tugend eine Not.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die
Freudlosigkeit.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber auch immer etwas
Vernunft im Wahnsinn.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebnis, das immer
wieder kommt.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Wenn man viel hineinzustecken hat, so hat ein Tag hundert Taschen.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Zivilisation ist die erzwungene Tierzähmung des Menschen.
		-- Friedrich Nietzsche
%
Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem
Augenblicke hinwerfen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen
nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Viele Menschen warten ihr Leben lang auf die Gelegenheit, auf ihre Art
gut zu sein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Bildung ist das Leben im Sinne großer Geister mit dem Zwecke großer
Ziele.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Durch Frauen werden die Höhepunkte des Lebens bereichert und die
Tiefpunkte vermehrt.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Aus der Kriegsschule des Lebens - Was mich nicht umbringt, macht mich
härter.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Götzendämmerung)
%
Solange man nicht die Moral des Christentums als Kapitalverbrechen am
Leben empfindet, haben dessen Verteidiger gutes Spiel.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Nicht, daß du mich belogst, sondern daß ich dir nicht mehr glaube,
hat mich erschüttert.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Auf dem Markt glaubt niemand an höhere Menschen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Angewöhnung geistiger Grundsätze ohne Gründe nennt man Glauben.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches)
%
Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben
lerne. Erlöster müßten mir seine Jünger aussehen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Zarathrusta II, Von den Priestern)
%
Glaube heißt nicht wissen wollen, was wahr ist.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der Sinn in den Gebräuchen der Gastfreundschaft ist: das feindliche im
Fremden zu lähmen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wahnsinn bei Individuen ist selten, aber in Gruppen, Nationen und
Epochen die Regel.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran
zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage eine
Freude machen könnte.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Viel von sich reden, kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Jenseits)
%
Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu ruinieren zugunsten
der Regel.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Wille zur Macht)
%
Müßiggang ist aller Psychologie Anfang.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Geld ist das Brecheisen der Macht.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Lieber aus ganzem Holz eine Feindschaft, als eine geleimte
Freundschaft.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von
der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der
Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Zarathrustra IV)
%
Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns zu verbrennen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse)
%
Eure falsche Liebe zur Vergangenheit ist ein Raub an der Zukunft.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Phantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor
anderen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wer viel Freude hat, muß ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist
er nicht der Klügste, obwohl er gerade das erreicht, was der Klügste
mit all seiner Klugheit erstrebt.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Grausamkeit gehört zu den ältesten Festfreuden der Menschheit.
Folglich denkt man sich auch die Götter erquickt und festlich
gestimmt, wenn man ihnen den Anblick von Grausamkeit anbietet. Und so
schleicht sich die Vorstellung in die Welt, daß freiwillige Leiden,
die selbsterwälte Marter einen guten Sinn und Wert haben.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleitet, den
Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wer ein Warum hat, dem ist kein Wie zu schwer.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Man hört nur die Fragen, auf welche man imstande ist, eine Antwort zu
geben.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Mutige Leute überredet man dadurch zu einer Handlung, daß man
dieselbe gefährlicher darstellt, als sie ist.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in
dich hinein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: Sie beuten sie aus.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muß es
besitzen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
%
Unsere Meinungen: Die Haut, in der wir gesehen werden wollen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Gar nicht von sich zu reden ist eine vornehem Heuchelei.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
In Wahrheit heißt etwas wollen, ein Experiment machen, um zu
erfahren, was wir können.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ich begreife nicht, wozu man nötig hat, zu verleumden. Will man
jemanden schaden, so braucht man ja nur über ihn irgend eine Wahrheit
zu sagen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Es ist gut, eine Sache doppelt auszudrücken und ihr einen rechten und
linken Fuß zu geben. Auf einem Bein kann die Wahrheit zwar stehen; mit
zweien aber wird sie gehen und herumkommen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Geschichte handelt fast nur von schlechten Menschen, die später
gutgesprochen worden sind.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wir müssen die Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen, zumal wir
sie lange Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Erkennen heißt: Alle Dinge zu unserem Besten verstehen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Es ist leichter, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr
maßzuhalten.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Auch der Mutigste von uns hat nur selten den Mut zu dem, was er
eigentlich weiß.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Zeit für kleine Politik ist vorbei. Schon das nächste Jahrhundert
bringt den Kampf um die Erdherrschaft.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Beruf ist eine Schutzwehr, hinter welche man sich erlaubterweise
zurückziehen kann, wenn Bedenken und Sorgen allgemeiner Art einen
anfallen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Massen sind erstens verschwimmende Kopien der großen Männer,
zweitens Widerstand gegen die Großen, drittens Werkzeuge der Großen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Das Gebet ist für solche Menschen erfunden, welche eigentlich nie von
sich aus Gedanken haben denen eine Erhebung der Seele ungekannt ist
oder unbemerkt verläuft.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Fröhliche Wissenschaft)
%
Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern
unsere stillsten Stunden.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Etwas kurz gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielen
Lang-Gedachten sein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches)
%
Man sagt nicht 'Nichts!', man sagt dafür 'Jenseits' oder 'Gott'.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Des Mannes Art ist Wille, des Weibes Art Willigkeit.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Die fröhliche Wissenschaft)
%
Selten denkt das Frauenzimmer / Denkt es aber, taugt es nichts!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ist Gott eine Erfindung des Teufels?
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Menschliches)
%
Gebildet sein heißt:
Sich nicht merken zu lassen, wie schlecht man ist.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die einen werden durch großes Lob schamhaft, die anderen frech.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
An die dumme Stirne gehört als Argument von Rechts wegen die geballte
Faust.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Menschliches)
%
Eine gute Ehe beruht auf dem Talent zur Freundschaft.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Menschliches)
%
Moral zu predigen ist ebenso leicht als Moral zu begründen schwer ist.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Unzeitgemäße Betrachtungen)
%
Moral ist eine Wichtigtuerei des Menschen vor der Natur.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen,
sondern um besser zu glänzen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Was ist das Menschlichste? - Jemandem Scham ersparen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Fanatismus ist die einzige 'Willensstärke', zu der auch die
Schwachen gebracht werden können.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, anderen weh
zu tun.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft atmen will.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Da haben wir es also: Eine kirchliche Ordnung mit Priesterschaft,
Theologie, Kultus, Sakrament; kurz, alles das, was Jesus von Nazareth
bekämpft hatte...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Zum Christentum wird man nicht geboren, man muß dazu nur krank genug
sein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ein religiöser Mensch denkt nur an sich.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
"Richtet nicht!" sagen sie, aber sie schicken alles in die Hölle, was
ihnen im Wege steht.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Diese Evangelien kann man nicht behutsam genug lesen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Jesus ist das Gegenstück eines Genies: er ist ein Idiot.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als
Ereignis: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig,
zu fragwürdig, zu übermütig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen
zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelikatesse gegen
uns Denker - im Grunde sogar ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt
nicht Denken!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Zuvieles mißriet ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte! Daß
er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür, daß sie ihm
schlecht gerieten, das war eine Sünde wider den guten Geschmack.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Zarathrustra IV)
%
Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch
die Grenzsteine weg - so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt
den Krieg und deshalb erst setztet ihr die Grenzsteine.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ein Politiker teilt die Menschheit in zwei Klassen ein: Werkzeuge und
Feinde. Das bedeutet, daß er nur eine Klasse kennt: Feinde.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Das Wesentliche an jeder Erfindung tut der Zufall, aber den meisten
Menschen begegnet der Zufall nicht.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Bedingungen, unter denen man mich versteht und dann mit
Nothwendigkeit versteht <, -> ich kenne sie nur zu genau. Man muß
rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur
meinen Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muß geübt sein, auf
Bergen zu leben - das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und
Völker-Selbstsucht unter sich zu sehn. Man muß gleichgültig geworden
sein, man muß nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem
Verhängniss wird ... Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen
Niemand heute den Muth hat; der Muth zum Verbotenen ; die
Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine Erfahrung aus sieben
Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste.
Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten. Und der
Wille zur Ökonomie grossen Stils: seine Kraft, seine Begeisterung
beisammen behalten ... Die Ehrfurcht vor sich; die Liebe zu sich; die
unbedingte Freiheit gegen sich ...
   
Wohlan! Das allein sind meine Leser, meine rechten Leser, meine
vorherbestimmten Leser: was liegt am Rest? - Der Rest ist bloss die
Menschheit. - Man muß der Menschheit überlegen sein durch Kraft,
durch Höhe der Seele, - durch Verachtung ...

		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
1.
- Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer, - wir wissen gut
genug, wie abseits wir leben. "Weder zu Lande, noch zu Wasser wirst du
den Weg zu den Hyperboreern finden": das hat schon Pindar von uns
gewusst. Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes - unser Leben,
unser Glück ... Wir haben das Glück entdeckt, wir wissen den Weg, wir
fanden den Ausgang aus ganzen Jahrtausenden des Labyrinths. Wer fand
ihn sonst? - Der moderne Mensch etwa? "Ich weiss nicht aus, noch ein;
ich bin Alles, was nicht aus noch ein weiss" - seufzt der moderne
Mensch ... An dieser Modernität waren wir krank, - am faulen Frieden,
am feigen Compromiss, an der ganzen tugendhaften Unsauberkeit des
modernen ja und Nein. Diese Toleranz und largeur des Herzens, die
Alles "verzeiht", weil sie Alles "begreift", ist Scirocco für uns.
Lieber im Eise leben als unter modernen Tugenden und andren Südwinden!
... Wir waren tapfer genug, wir schonten weder uns, noch Andere: aber
wir wussten lange nicht, wohin mit unsrer Tapferkeit. Wir wurden
düster, man hiess uns Fatalisten. Unser Fatum - das war die Fülle, die
Spannung, die Stauung der Kräfte. Wir dürsteten nach Blitz und Thaten,
wir blieben am fernsten vom Glück der Schwächlinge, von der "Ergebung"
... Ein Gewitter war in unsrer Luft, die Natur, die wir sind,
verfinsterte sich - denn wir hatten keinen Weg. Formel unsres Glücks:
ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
2.
Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht,
die Macht selbst im Menschen erhöht.

Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.

Was ist Glück? - Das Gefühl davon, daß die Macht wächst, daß ein
Widerstand überwunden wird.

Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt,
sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im
Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend)

Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz
unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.

Was ist schädlicher als irgend ein Laster? - Das Mitleiden der That
mit allen Missrathnen und Schwachen - das Christenthum ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
3.
Nicht, was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen,
ist das Problem, das ich hiermit stelle (- der Mensch ist ein Ende -):
sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den
höherwerthigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.

Dieser höherwerthigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als
ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist
er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das
Furchtbare; - und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus
gewollt, gezüchtet, erreicht: das Hausthier, das Heerdenthier, das
kranke Thier Mensch, - der

Christ ...

		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
4.
Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder
Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt
wird. Der "Fortschritt" ist bloss eine moderne Idee, das heißt eine
falsche Idee. Der Europäer von Heute bleibt, in seinem Werthe tief
unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist
schlechterdings nicht mit irgend welcher Nothwendigkeit Erhöhung,
Steigerung, Verstärkung.

In einem andren Sinne giebt es ein fortwährendes Gelingen einzelner
Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den
verschiedensten Culturen heraus, mit denen in der That sich ein
höherer Typus darstellt: Etwas, das im Verhältniss zur
Gesammt-Menschheit eine Art Übermensch ist. Solche Glücksfälle des
grossen Gelingens waren immer möglich und werden vielleicht immer
möglich sein. Und selbst ganze Geschlechter, Stämme, Völker können
unter Umständen einen solchen Treffer darstellen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
5.
Man soll das Christenthum nicht schmücken und herausputzen: es hat
einen Todkrieg gegen diesen höheren Typus Mensch gemacht, es hat alle
Grundinstinkte dieses Typus in Bann gethan, es hat aus diesen
Instinkten das Böse, den Bösen herausdestillirt, - der starke Mensch
als der typisch Verwerfliche, der "verworfene Mensch". Das
Christenthum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Missrathnen
genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die
Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht; es hat die Vernunft
selbst der geistigstärksten Naturen verdorben, indem es die obersten
Werthe der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend, als Versuchungen
empfinden lehrte. Das jammervollste Beispiel - die Verderbniss
Pascals, der an die Verderbniss seiner Vernunft durch die Erbsünde
glaubte, während sie nur durch sein Christenthum verdorben war! -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
6.
Es ist ein schmerzliches, ein schauerliches Schauspiel, das mir
aufgegangen ist: ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des
Menschen. Dies Wort, in meinem Munde, ist wenigstens gegen Einen
Verdacht geschützt: daß es eine moralische Anklage des Menschen
enthält. Es ist - ich möchte es nochmals unterstreichen - moralinfrei
gemeint: und dies bis zu dem Grade, daß jene Verdorbenheit gerade
dort von mir am stärksten empfunden wird, wo man bisher am
bewusstesten zur "Tugend", zur "Göttlichkeit" aspirirte. Ich verstehe
Verdorbenheit, man erräth es bereits, im Sinne von décadence: meine
Behauptung ist, daß alle Werthe, in denen jetzt die Menschheit ihre
oberste Wünschbarkeit zusammenfasst, décadence - Werthe sind.
  Ich nenne ein Thier, eine Gattung, ein Individuum verdorben, wenn es
seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm
nachtheilig ist. Eine Geschichte der "höheren Gefühle", der "Ideale
der Menschheit" - und es ist möglich, daß ich sie erzählen muß -
wäre beinahe auch die Erklärung dafür, weshalb der Mensch so verdorben
ist.
  Das Leben selbst gilt mir als Instinkt für Wachsthum, für Dauer, für
Häufung von Kräften, für Macht - wo der Wille zur Macht fehlt, giebt
es Niedergang. Meine Behauptung ist, daß allen obersten Werthen der
Menschheit dieser Wille fehlt, - daß Niedergangs-Werthe,
nihilistische Werthe unter den heiligsten Namen die Herrschaft führen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
7.
Man nennt das Christenthum die Religion des Mitleidens. - Das
Mitleiden steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die
Energie des Lebensgefühls erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert
Kraft, wenn man mitleide<t>. Durch das Mitleiden vermehrt und
vervielfältigt sich die Einbusse an Kraft noch, die an sich schon das
Leiden dem Leben br<ingt.> Das Leiden selbst wird durch das Mitleiden
ansteckend; unter Umständen kann mit ihm eine Gesammt-Einbusse an
Leben und Lebens-Energie erreicht werden, die in einem absurden
Verhältniss zum Quantum der Ursache steht (- der Fall vom Tode des
Nazareners) Das ist der erste Gesichtspunkt; es giebt aber noch einen
wichtigeren. Gesetzt, man mißt das Mitleiden nach dem Werthe der
Reaktionen, die es hervorzubringen pflegt, so erscheint sein
lebensgefährlicher Charakter in einem noch viel helleren Lichte. Das
Mitleiden kreuzt im Ganzen Grossen das Gesetz der Entwicklung, welches
das Gesetz der Selection ist. Es erhält, was zum Untergange reif ist,
es wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurtheilten des Lebens,
es giebt durch die Fülle des Missrathnen aller Art, das es im Leben
festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt. Man
hat gewagt, das Mitleiden eine Tugend zu nennen (- in jeder vornehmen
Moral gilt es als Schwäche -); man ist weiter gegangen, man hat aus
ihm die Tugend, den Boden und Ursprung aller Tugenden gemacht, - nur
freilich, was man stets im Auge behalten muß<,> vom Gesichtspunkte
einer Philosophie aus, welche nihilistisch war, welche die Verneinung
des Lebens auf ihr Schil<d schr>rieb. Schopenhauer war in seinem
Rechte damit: durch das Mit<leid> wird das Leben verneint,
verneinungs-wü<rdiger> gemacht, - Mitleiden ist die Praxis des
Nihilismus. Nochmals gesagt: dieser depressive und contagiöse Instinkt
kreuzt jene Instinkte, welche auf Erhaltung und Werth-Erhöhung des
Lebens aus sind: er ist ebenso als Multiplikator des Elends wie als
Conservator alles Elenden ein Hauptwerkzeug zur Steigerung der
décadence - Mitleiden überredet zum Nichts! ... 
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Man sagt nicht "Nichts": man sagt dafür "Jenseits"; oder "Gott"; oder
"das wahre Leben"; oder Nirvana, Erlösung, Seligkeit ... Diese
unschuldige Rhetorik aus dem Reich der religiös-moralischen
Idiosynkrasie erscheint sofort viel weniger unschuldig, wenn man
begreift, welche Tendenz hier den Mantel sublimer Worte um sich
schlägt: die lebensfeindliche Tendenz. Schopenhauer war
lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend
... Aristoteles sah, wie man weiss, im Mitleiden einen krankhaften und
gefährlichen Zustand, dem man gut thäte, hier und da durch ein
Purgativ beizukommen: er verstand die Tragödie als Purgativ. Vom
Instinkte des Lebens aus müsste man in der That nach einem Mittel
suchen, einer solchen krankhaften und gefährlichen Häufung des
Mitleides, wie sie der Fall Schopenhauers (und leider auch unsrer
gesammten litterarischen und artistischen décadence von St. Petersburg
bis Paris, von Tolstoi bis Wagner) darstellt, einen Stich zu
versetzen: damit sie platzt ... Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer
ungesunden Modernität, als das christliche Mitleid. Hier Arzt sein,
hier unerbittlich sein, hier das Messer führen - das gehört zu uns,
das ist unsre Art Menschenliebe, damit sind wir Philosophen, wir
Hyperboreer! - - -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
8.
Es ist nothwendig zu sagen, wen wir als unsern Gegensatz fühlen - die
Theologen und Alles, was Theologen-Blut im Leibe hat - unsre ganze
Philosophie ... Man muß das Verhängniss aus der Nähe gesehn haben,
noch besser, man muß es an sich erlebt, man muß an ihm fast zu
Grunde gegangen sein, um hier keinen Spaass mehr zu verstehn (- die
Freigeisterei unsrer Herrn Naturforscher und Physiologen ist in meinen
Augen ein Spaass, - ihnen fehlt die Leidenschaft in diesen Dingen, das
Leiden an ihnen -) jene Vergiftung reicht viel weiter als man denkt:
ich fand den Theologen-Instinkt des Hochmuths überall wieder, wo man
sich heute als "Idealist" fühlt, - wo man, vermöge einer höheren
Abkunft, ein Recht in Anspruch nimmt, zur Wirklichkeit überlegen und
fremd zu blicken ... Der Idealist hat, ganz wie der Priester, alle
grossen Begriffe in der Hand (- und nicht nur in der Hand!), er spielt
sie mit einer wohlwollenden Verachtung gegen den "Verstand", die
"Sinne", die "Ehren", das "Wohlleben", die "Wissenschaft" aus, er
sieht dergleichen unter sich, wie schädigende und verführerische
Kräfte, über den<en> "der Geist" in reiner Für-sich-heit schwebt: -
als ob nicht Demuth, Keuschheit, Armut, Heiligkeit mit Einem Wort dem
Leben bisher unsäglich mehr Schaden gethan hätten als irgend welche
Furchtbarkeiten und Laster ... Der reine Geist ist die reine Lüge...
So lange der Priester noch als eine höhere Art Mensch gilt, dieser
Verneiner, Verleumder, Vergifter des Lebens von Beruf, giebt es keine
Antwort auf die Frage: was ist Wahrheit? Man hat bereits die Wahrheit
auf den Kopf gestellt, wenn der bewusste Advokat des Nichts und der
Verneinung als Vertreter der "Wahrheit" gilt...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
9.
Diesem Theologen-Instinkte mache ich den Krieg: ich fand seine Spur
überall. Wer Theologen-Blut im Leibe hat, steht von vornherein zu
allen Dingen schief und unehrlich. Das Pathos, das sich daraus
entwickelt, heißt sich Glaube: das Auge Ein-für-alle Mal vor sich
schliessen, um nicht am Aspekt unheilbarer Falschheit zu leiden. Man
macht bei sich eine Moral, eine Tugend, eine Heiligkeit aus dieser
fehlerhaften Optik zu allen Dingen, man knüpft das gute Gewissen an
das Falsch-sehen, - man fordert, daß keine andre Art Optik mehr Werth
haben dürfe, nachdem man die eigne mit den Namen "Gott" "Erlösung"
"Ewigkeit" sakrosankt gemacht hat. Ich grub den Theologen-Instinkt
noch überall aus: er ist die verbreitetste, die eigentlich
unterirdische Form der Falschheit, die es auf Erden giebt. Was ein
Theologe als wahr empfindet, das muß falsch sein: man hat daran
beinahe ein Kriterium der Wahrheit. Es ist sein unterster
Selbsterhaltungs-Instinkt, der verbietet, daß die Realität in irgend
einem Punkte zu Ehren oder auch nur zu Worte käme. So weit der
Theologen-Einfluss reicht, ist das Werth-Urtheil auf den Kopf
gestellt, sind die Begriffe "wahr" und "falsch" nothwendig umgekehrt:
was dem Leben am schädlichsten ist, das heißt hier "wahr", was es
hebt, steigert, bejaht, rechtfertigt und triumphiren macht, das heißt
"falsch" ... Kommt es vor, daß Theologen durch das "Gewissen" der
Fürsten (oder der Völker -) hindurch nach der Macht die Hand
ausstrecken, zweifeln wir nicht, was jedes Mal im Grunde sich begiebt:
der Wille zum Ende, der nihilistische Wille will zur Macht ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
10.
Unter Deutschen versteht man sofort, wenn ich sage, daß die
Philosophie durch Theologen-Blut verderbt ist. Der protestantische
Pfarrer ist Grossvater der deutschen Philosophie, der Protestantismus
selbst ihr peccatum originale. Definition des Protestantismus: die
halbseitige Lähmung des Christenthums - und der Vernunft ... Man hat
nur das Wort "Tübinger Stift" auszusprechen, um zu begreifen, was die
deutsche Philosophie im Grunde ist - eine hinterlistige Theologie ...
Die Schwaben sind die besten Lügner in Deutschland, sie lügen
unschuldig ... Woher das Frohlocken, das beim Auftreten Kants durch
die deutsche Gelehrtenwelt gieng, die zu drei Viertel aus Pfarrer- und
Lehrer-Söhnen besteht -, woher die deutsche Überzeugung, die auch
heute noch ihr Echo findet, daß mit Kant eine Wendung zum Besseren
beginne? Der Theologen-Instinkt im deutschen Gelehrten errieth, was
nunmehr wieder möglich war ... Ein Schleichweg zum alten Ideal stand
offen, der Begriff "wahre Welt", der Begriff der Moral als Essenz der
Welt (- diese zwei bösartigsten Irrthümer, die es giebt!) waren jetzt
wieder, Dank einer verschmitzt-klugen Skepsis, wenn nicht beweisbar,
so doch nicht mehr widerlegbar ... Die Vernunft, das Recht der
Vernunft reicht nicht so weit ... Man hatte aus der Realität eine
"Scheinbarkeit" gemacht; man hatte eine vollkommen erlogne Welt, die
des Seienden, zur Realität gemacht ... Der Erfolg Kant's ist bloss ein
Theologen-Erfolg: Kant war, gleich Luther, gleich Leibnitz, ein
Hemmschuh mehr in der an sich nicht taktfesten deutschen
Rechtschaffenheit - -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
11.
Ein Wort noch gegen Kant als Moralist. Eine Tugend muß unsre
Erfindung sein, unsre persönlichste Nothwehr und Nothdurft: in jedem
andren Sinne ist sie bloss eine Gefahr. Was nicht unser Leben bedingt,
schadet ihm: eine Tugend bloss aus einem Respekts-Gefühle vor dem
Begriff "Tugend" wie Kant es wollte, ist schädlich. Die "Tugend", die
"Pflicht", das "Gute an sich", das Gute mit dem Charakter der
Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit - Hirngespinnste, in denen
sich der Niedergang, die letzte Entkräftung des Lebens, das
Königsberger Chinesenthum ausdrückt. Das Umgekehrte wird von den
tiefsten Erhaltungs- und Wachsthums-Gesetzen geboten: daß jeder sich
seine Tugend, seinen kategorischen Imperativ erfinde. Ein Volk geht zu
Grunde, wenn es seine Pflicht mit dem Pflichtbegriff überhaupt
verwechselt. Nichts ruinirt tiefer, innerlicher als jede
"unpersönliche" Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion.
...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Daß man den kategorischen Imperativ Kant's nicht als
lebensgefährlich empfunden hat! ... Der Theologen-Instinkt allein nahm
ihn in Schutz! - Eine Handlung, zu der der Instinkt des Lebens zwingt,
hat in der Lust ihren Beweis, eine rechte Handlung zu sein: und jener
Nihilist mit christlich-dogmatischen Eingeweiden verstand die Lust als
Einwand ... Was zerstört schneller als ohne innere Nothwendigkeit,
ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lustarbeiten, denken, fühlen?
als Automat der "Pflicht"? Es ist geradezu das Recept zur décadence,
selbst zum Idiotismus ... Kant wurde Idiot. - Und das war der
Zeitgenosse Goethes! Dies Verhängniss von Spinne galt als der deutsche
Philosoph, - gilt es noch! ... ich hüte mich zu sagen, was ich von den
Deutschen denke ... Hat Kant nicht in der französischen Revolution den
Übergang aus der unorganischen Form des Staats in die organische
gesehn? Hat er sich nicht gefragt, ob es eine Begebenheit gebt, die
gar nicht anders erklärt werden könne als durch eine moralische Anlage
der Menschheit, so daß mit ihr, Ein-für-alle Mal, die "Tendenz der
Menschheit zum Guten" bewiesen sei? Antwort Kant's: "das ist die
Revolution." Der fehlgreifende Instinkt in Allem und jedem, die
Widernatur als Instinkt, die deutsche décadence als Philosophie - das
ist Kant.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
12.
Ich nehme ein Paar Skeptiker bei Seite, den anständigen Typus in der
Geschichte der Philosophie: aber der Rest kennt die ersten Forderungen
der intellektuellen Rechtschaffenheit nicht. Sie machen es allesammt
wie die Weiblein, alle diese grossen Schwärmer und Wunderthiere, - sie
halten die "schönen Gefühle" bereits für Argumente, den "gehobenen
Busen" für einen Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung für ein
Kriterium der Wahrheit. Zuletzt hat noch Kant, in "deutscher"
Unschuld, diese Form der Corruption, diesen Mangel an intellektuellem
Gewissen unter dem Begriff "praktische Vernunft" zu
verwissenschaftlichen versucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür,
in welchem Falle man sich nicht um die Vernunft zu kümmern habe,
nämlich wenn die Moral, wenn die erhabne Forderung "du sollst" laut
wird. Erwägt man, daß fast bei allen Völkern der Philosoph nur die
Weiterentwicklung des priesterlichen Typus ist, so überrascht dieses
Erbstück des Priesters, die Falschmünzerei vor sich selbst, nicht
mehr. Wenn man heilige Aufgaben hat, zum Beispiel die Menschen zu
bessern, zu retten, zu erlösen, wenn man die Gottheit im Busen trägt,
Mundstück jenseitiger Imperative ist, so steht man mit einer solchen
Mission bereits ausserhalb aller bloss verstandesmässigen Werthungen,
- selbst schon geheiligt durch eine solche Aufgabe, selbst schon der
Typus einer höheren Ordnung! ... Was geht einen Priester die
Wissenschaft an! Er steht zu hoch dafür! - Und der Priester hat bisher
geherrscht! Er bestimmte den Begriff "wahr" und "unwahr"! ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
13.
Unterschätzen wir dies nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind
bereits eine "Umwerthung aller Werthe", eine leibhafte Kriegs- und
Siegs-Erklärung an alle alten Begriffe von "wahr" und "unwahr". Die
werthvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden; aber die
werthvollsten Einsichten sind die Methoden. Alle Methoden, alle
Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaftlichkeit haben
Jahrtausende lang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt, auf sie
hin war man aus dem Verkehre mit "honnetten" Menschen ausgeschlossen,
- man galt als "Feind Gottes", als Verächter der Wahrheit, als
"Besessener". Als wissenschaftlicher Charakter war man Tschandala ...
Wir haben das ganze Pathos der Menschheit gegen uns gehabt - ihren
Begriff von dem, was Wahrheit sein soll, was der Dienst der Wahrheit
sein soll: jedes "du sollst" war bisher gegen uns gerichtet ... Unsre
Objekte, unsre Praktiken, unsre stille vorsichtige misstrauische Art -
Alles schien ihr vollkommen unwürdig und verächtlich. - Zuletzt dürfte
man, mit einiger Billigkeit, sich fragen, ob es nicht eigentlich ein
ästhetischer Geschmack war, was die Menschheit in so langer Blindheit
gehalten hat: sie verlangte von der Wahrheit einen pittoresken Effekt,
sie verlangte insgleichen vom Erkennenden, daß er stark auf die Sinne
wirke. Unsre Bescheidenheit gieng ihr am längsten wider den Geschmack
... Oh wie sie das erriethen, diese Truthähne Gottes - -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
14.
Wir haben umgelernt. Wir sind in allen Stücken bescheidner geworden.
Wir leiten den Menschen nicht mehr vom "Geist", von der "Gottheit" ab,
wir haben ihn unter die Thiere zurückgestellt. Er gilt uns als das
stärkste Thier, weil er das listigste ist: eine Folge davon ist seine
Geistigkeit. Wir wehren uns anderseits gegen eine Eitelkeit, die auch
hier wieder laut werden möchte: wie als ob der Mensch die grosse
Hinterabsicht der thierischen Entwicklung gewesen sei. Er ist durchaus
keine Krone der Schöpfung, jedes Wesen ist, neben ihm, auf einer
gleichen Stufe der Vollkommenheit ... Und indem wir das behaupten,
behaupten wir noch zuviel: der Mensch ist, relativ genommen, das
missrathenste Thier, das krankhafteste, das von seinen Instinkten am
gefährlichste<n> abgeirrte - freilich, mit alle dem, auch das
interessanteste!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Was die Thiere betrifft, so hat zuerst Descartes, mit
verehrungswürdiger Kühnheit, den Gedanken gewagt, das Thier als
machina zu verstehn: unsre ganze Physiologie bemüht sich um den Beweis
dieses Satzes. Auch stellen wir logischer Weise den Menschen nicht bei
Seite, wie noch Descartes that: was überhaupt heute vom Menschen
begriffen ist, geht genau so weit als er machinal begriffen ist.
Ehedem gab man dem Menschen als seine Mitgift aus einer höheren
Ordnung den "freien Willen": heute haben wir ihm selbst den Willen
genommen, in dem Sinne, daß darunter kein Vermögen mehr verstanden
werden darf. Das alte Wort "Wille" dient nur dazu, eine Resultante zu
bezeichnen, eine Art individueller Reaktion, die nothwendig auf eine
Menge theils widersprechender, theils zusammenstimmender Reize folgt:
- der Wille "wirkt" nicht mehr, "bewegt" nicht mehr ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ehemals sah man im Bewusstsein des Menschen, im "Geist", den Beweis
seiner höheren Abkunft, seiner Göttlichkeit; um den Menschen zu
vollenden, rieth man ihm an, nach der Art der Schildkröte, die Sinne
in sich hineinzuziehn, den Verkehr mit dem Irdischen einzustellen, die
sterbliche Hülle abzuthun: dann blieb die Hauptsache von ihm zurück,
der "reine Geist".  Wir haben uns auch hierüber besser besonnen: das
Bewusstwerden, der "Geist", gilt uns gerade als Symptom einer
relativen Unvollkommenheit des Organismus, als ein Versuchen, Tasten,
Fehlgreifen, als eine Mühsal, bei der unnöthig viel Nervenkraft
verbraucht wird, - wir leugnen, daß irgend Etwas vollkommen gemacht
werden kann, so lange es noch bewusst gemacht wird. Der "reine Geist"
ist eine reine Dummheit: rechnen wir das Nervensystem und die Sinne
ab, die "sterbliche Hülle", so verrechnen wir uns - weiter nichts! ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
15.
Weder die Moral noch die Religion berührt sich im Christenthume mit
irgend einem Punkte der Wirklichkeit. Lauter imaginäre Ursachen
("Gott", "Seele", "Ich" "Geist", "der freie Wille" - oder auch "der
unfreie"); lauter imaginäre Wirkungen ("Sünde", "Erlösung", "Gnade",
"Strafe", "Vergebung der Sünde"). Ein Verkehr zwischen imaginären
Wesen ("Gott" "Geister" "Seelen"); eine imaginäre Naturwissenschaft
(anthropocentrisch; völliger Mangel des Begriffs der natürlichen
Ursachen) eine imaginäre Psychologie (lauter Selbst-
Mißverständnisse, Interpretationen angenehmer oder unangenehmer
Allgemeingefühle, zum Beispiel der Zustände des nervus sympathicus mit
Hülfe der Zeichensprache religiös-moralischer Idiosynkrasie, - "Reue",
"Gewissensbiß", "Versuchung des Teufels", "die Nähe Gottes"); eine
imaginäre Teleologie ("das Reich Gottes", "das jüngste Gericht", "das
ewige Leben"). - Diese reine Fiktions-Welt unterscheidet sich dadurch
sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, daß letztere die
Wirklichkeit wiederspiegelt, während sie die Wirklichkeit fälscht,
entwertete, verneint. ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Nachdem erst der Begriff "Natur" als Gegenbegriff zu "Gott" erfunden
war, mußte "natürlich" das Wort sein für "verwerflich", - jene ganze
Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Hass gegen das Natürliche (- die
Wirklichkeit! -), sie ist der Ausdruck eines tiefen Missbehagens am
Wirklichen ... Aber damit ist Alles erklärt. Wer allein hat Gründe
sich wegzulügen aus der Wirklichkeit?  Wer an ihr leidet. Aber an der
Wirklichkeit leiden heißt eine verunglückte Wirklichkeit sein ... Das
Übergewicht der Unlustgefühle über die Lustgefühle ist die Ursache
jener fiktiven Moral und Religion: ein solches Übergewicht giebt aber
die Formel ab für décadence ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
16.
Zu dem gleichen Schlusse nöthigt eine Kritik des christlichen
Gottesbegriffs. - Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch
noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die
es obenauf ist, seine Tugenden, - es projicirt seine Lust an sich,
sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich
ist, will abgeben; ein stolzes Volk braucht einen Gott, um zu opfern
... Religion, innerhalb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der
Dankbarkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen
Gott. - Ein solcher Gott muß nützen und schaden können, muß Freund
und Feind sein können, - man bewundert ihn im Guten wie im Schlimmen.
Die widernatürliche Castration eines Gottes zu einem Gotte bloss des
Guten läge hier ausserhalb aller Wünschbarkeit. Man hat den bösen Gott
so nöthig als den guten: man verdankt ja die eigne Existenz nicht
gerade der Toleranz, der Menschenfreundlichkeit ... Was läge an einem
Gotte, der nicht Zorn, Rache, Neid, Hohn, List, Gewaltthat kennte? dem
vielleicht nicht einmal die entzückenden ardeurs des Siegs und der
Vernichtung bekannt wären? Man würde einen solchen Gott nicht
verstehn: wozu sollte man ihn haben? ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Freilich: wenn ein Volk zu Grunde geht; wenn es den Glauben an
Zukunft, seine Hoffnung auf Freiheit endgültig schwinden fühlt; wenn
ihm die Unterwerfung als erste Nützlichkeit, die Tugenden der
Unterworfenen als Erhaltungsbedingungen in's Bewusstsein treten, dann
muß sich auch sein Gott verändern. Er wird jetzt Duckmäuser,
furchtsam, bescheiden, räth zum "Frieden der Seele", zum
Nicht-mehr-Hassen, zur Nachsicht, zur "Liebe" selbst gegen Freund und
Feind. Er moralisirt beständig, er kriecht in die Höhle jeder
Privattugend, wird Gott für Jedermann, wird Privatmann, wird
Kosmopolit ... Ehemals stellte er ein Volk, die Stärke eines Volkes,
alles Aggressive und Machtdurstige aus der Seele eines Volkes dar:
jetzt ist er bloss noch der gute Gott ... In der That, es giebt keine
andre Alternative für Götter: entweder sind sie der Wille zur Macht -
und so lange werden sie Volksgötter sein - oder aber die Ohnmacht zur
Macht - und dann werden sie nothwendig gut...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
17.
Wo in irgend welcher Form der Wille zur Macht niedergeht, giebt es
jedes Mal auch einen physiologischen Rückgang, eine décadence. Die
Gottheit der décadence, beschnitten an ihren männlichsten Tugenden und
Trieben, wird nunmehr nothwendig zum Gott der
physiologisch-Zurückgegangenen, der Schwachen. Sie heißen sich selbst
nicht die Schwachen, sie heißen sich "die Guten" ... Man versteht,
ohne daß ein Wink noch Noth thäte, in welchen Augenblicken der
Geschichte erst die dualistische Fiktion eines guten und eines bösen
Gottes möglich wird. Mit demselben Instinkte, mit dem die Unterworfnen
ihren Gott zum "Guten an sich" herunterbringen, streichen sie aus dem
Gotte ihrer Überwinder die guten Eigenschaften aus; sie nehmen Rache
an ihren Herrn, dadurch daß sie deren Gott verteufeln. - Der gute
Gott, ebenso wie der Teufel: Beide Ausgeburten der décadence. - Wie
kann man heute noch der Einfalt christlicher Theologen so viel
nachgeben, um mit ihnen zu dekretiren, die Fortentwicklung des
Gottesbegriffs vom "Gotte Israels", vom Volksgotte zum christlichen
Gotte, zum Inbegriff alles Guten sei ein Fortschritt? ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wenn die Voraussetzungen des aufsteigenden Lebens, wenn alles Starke
Tapfere, Herrische, Stolze aus dem Gottesbegriffe eliminirt werden,
wenn er Schritt für Schritt zum Symbol eines Stabs für Müde, eines
Rettungsankers für alle Ertrinkenden heruntersinkt, wenn er
Arme-Leute-Gott, Sünder-Gott, Kranken-Gott par excellence wird, und
das Prädikat "Heiland", "Erlöser" gleichsam übrig bleibt als
göttliches Prädikat überhaupt: wovon redet eine solche Verwandlung?
eine solche Reduktion des Göttlichen? - Freilich: "das Reich Gottes"
ist damit grösser geworden.  Ehemals hatte er nur sein Volk, sein
"auserwähltes" Volk. Inzwischen gieng er, ganz wie sein Volk selber,
in die Fremde, auf Wanderschaft, er sass seitdem nirgendswo mehr
still: bis er endlich überall heimisch wurde, der grosse Cosmopolit, -
bis er "die grosse Zahl" und die halbe Erde auf seine Seite
bekam. Aber der Gott "der grossen Zahl", der Demokrat unter den
Göttern, wurde trotzdem kein stolzer Heidengott: er blieb Jude, er
blieb der Gott der Winkel, der Gott aller dunklen Ecken und Stellen,
aller ungesunden Quartiere der ganzen Welt! ... 
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Und er [Gott] selbst, so blass, so schwach, so décadent ...
Selbst die Blassesten der Blassen wurden noch über ihn Herr, die
Herrn Metaphysiker, die Begriffs-Albinos. Diese spannen so lange um
ihn herum, bis er, hypnotisirt durch ihre Bewegungen, selbst Spinne,
selbst Metaphysicus wurde. Nunmehr spann er wieder die Welt aus sich
heraus - sub specie Spinozae -, nunmehr transfigurirte er sich ins
immer Dünnere und Blässere, ward "Ideal", ward "reiner Geist", ward
"absolutum", ward, Ding an sich ... Verfall eines Gottes: Gott ward
"Ding an sich"...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
18.
Der christliche Gottesbegriff - Gott als Krankengott, Gott als Spinne,
Gott als Geist - ist einer der corruptesten Gottesbegriffe, die auf
Erden erreicht worden sind; er stellt vielleicht selbst den Pegel des
Tiefstands in der absteigenden Entwicklung des Götter-Typus dar. Gott
zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und
ewiges Ja zu sein. In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben
die Feindschaft angesagt! Gott die Formel für jede Verleumdung des
"Diesseits", für jede Lüge vom "Jenseits"! In Gott das Nichts
vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
19.
... Zwei Jahrtausende beinahe und nicht ein einziger neuer Gott!
Sondern immer noch und wie zu Recht bestehend, wie ein ultimatum und
maximum der gottbildenden Kraft, des creator spiritus im Menschen,
dieser erbarmungswürdige Gott des christlichen Monotono-Theismus! dies
hybride Verfalls-Gebilde aus Null, Begriff und Widerspruch, in dem
alle Décadence-Instinkte, alle Feigheiten und Müdigkeiten der Seele
ihre Sanktion haben! - -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
20.
Mit meiner Verurtheilung des Christenthums möchte ich kein Unrecht
gegen eine verwandte Religion begangen haben, die der Zahl der
Bekenner nach sogar überwiegt, gegen den Buddhismus. Beide gehören als
nihilistische Religionen zusammen - sie sind décadence-Religionen -,
beide sind von einander in der merkwürdigsten Weise getrennt. Daß man
sie jetzt vergleichen kann, dafür ist der Kritiker des Christenthums
den indischen Gelehrten tief dankbar. - Der Buddhismus ist hundert Mal
realistischer als das Christenthum, - er hat die Erbschaft des
objektiven und kühlen Probleme-Stellens im Leibe, er kommt nach einer
Hunderte von Jahren dauernden philosophischen Bewegung, der Begriff
"Gott" ist bereits abgethan, als er kommt. Der Buddhismus ist die
einzige eigentlich positivistische Religion, die uns die Geschichte
zeigt, auch noch in seiner Erkenntnisstheorie (einem strengen
Phänomenalismus -), er sagt nicht mehr "Kampf gegen Sünde", sondern,
ganz der Wirklichkeit das Recht gebend, "Kampf gegen das Leiden". Er
hat - dies unterscheidet ihn tief vom Christenthum - die
Selbst-Betrügerei der Moral-Begriffe bereits hinter sich, - er steht,
in meiner Sprache geredet, jenseits von Gut und Böse. ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die zwei physiologischen Thatsachen, auf denen er [der Buddhismus]
ruht und die er ins Auge fasst, sind: einmal eine übergrosse
Reizbarkeit der Sensibilität, welche sich als raffinirte
Schmerzfähigkeit ausdrückt, sodann eine Übergeistigung, ein
allzulanges Leben in Begriffen und logischen Prozeduren, unter dem der
Person-Instinkt zum Vortheil des "Unpersönlichen" Schaden genommen hat
(- Beides Zustände, die wenigstens Einige meiner Leser, die
"Objektiven", gleich mir selbst, aus Erfahrung kennen werden) Auf
Grund dieser physiologischen Bedingungen ist eine Depression
entstanden: gegen diese geht Buddha hygienisch vor. Er wendet dagegen
das Leben im Freien an, das Wanderleben, die Mässigung und die Wahl in
der Kost; die Vorsicht gegen alle Spirituosa; die Vorsicht insgleichen
gegen alle Affekte, die Galle machen, die das Blut erhitzen; keine
Sorge, weder für sich, noch für Andre. Er fordert Vorstellungen, die
entweder Ruhe geben oder erheitern - er erfindet Mittel, die andren
sich abzugewöhnen. Er versteht die Güte, das Gütig-sein als
gesundheitfördernd. Gebet ist ausgeschlossen, ebenso wie die Askese;
kein kategorischer Imperativ, kein Zwang überhaupt, selbst nicht
innerhalb der Klostergemeinschaft (- man kann wieder hinaus -) Das
Alles wären Mittel, um jene übergrosse Reizbarkeit zu verstärken.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Eben darum fordert er [der Buddhismus] auch keinen Kampf gegen
Andersdenkende; seine Lehre wehrt sich gegen nichts mehr als gegen das
Gefühl der Rache, der Abneigung, des ressentiment (- "nicht durch
Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende": der rührende Refrain des
ganzen Buddhismus ... ) Und das mit Recht: gerade diese Affekte wären
vollkommen ungesund in Hinsicht auf die diätetische Hauptabsicht. Die
geistige Ermüdung, die er vorfindet, und die sich in einer
allzugrossen "Objektivität" (das heißt Schwächung des
Individual-Interesses, Verlust an Schwergewicht, an "Egoismus")
ausdrückt, bekämpft <er> mit einer strengen Zurückführung auch der
geistigsten Interessen auf die Person. In der Lehre Buddha's wird der
Egoismus Pflicht: das "Eins ist Noth", das "wie kommst du vom Leiden
los" regulirt und begrenzt die ganze geistige Diät (- man darf sich
vielleicht an jenen Athener erinnern, der der reinen
"Wissenschaftlichkeit" gleichfalls den Krieg machte, an Sokrates, der
den Personal-Egoismus auch im Reich der Probleme zur Moral erhob.)
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
21.
Die Voraussetzung für den Buddhismus ist ein sehr mildes Klima, eine
grosse Sanftmuth und Liberalität in den Sitten, kein Militarismus; und
daß es die höheren und selbst gelehrten Stände sind, in denen die
Bewegung ihren Heerd hat. Man will die Heiterkeit, die Stille, die
Wunschlosigkeit als höchstes Ziel, und man erreicht sein Ziel. Der
Buddhismus ist keine Religion, in der man bloss auf Vollkommenheit
aspirirt: das Vollkommne ist der normale Fall. ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Im Christenthume kommen die Instinkte Unterworfner und Unterdrückter
in den Vordergrund: es sind die niedersten Stände, die in ihm ihr Heil
suchen. Hier wird als Beschäftigung, als Mittel gegen die Langeweile,
die Casuistik der Sünde, die Selbstkritik, die Gewissens-Inquisition
geübt; hier wird der Affekt gegen einen Mächtigen, "Gott" genannt,
beständig aufrecht erhalten (durch das Gebet); hier gilt das Höchste
als unerreichbar, als Geschenk, als "Gnade". Hier fehlt auch die
Öffentlichkeit; der Versteck, der dunkle Raum ist christlich. Hier
wird der Leib verachtet, die Hygiene als Sinnlichkeit abgelehnt; die
Kirche wehrt sich selbst gegen die Reinlichkeit (- die erste
christliche Massregel nach Vertreibung der Mauren war die Schliessung
der öffentlichen Bäder, von denen Cordova allein 270 besass).
Christlich ist ein gewisser Sinn der Grausamkeit, gegen sich und
Andre; der Hass gegen die Andersdenkenden; der Wille, zu verfolgen.
Düstere und aufregende Vorstellungen sind im Vordergrunde; die
höchstbegehrten, mit den höchsten Namen bezeichneten Zustände sind
Epilepsoïden; die Diät wird so gewährt, daß sie morbide Erscheinungen
begünstigt und die Nerven überreizt. Christlich ist die Todfeindschaft
gegen die Herren der Erde, gegen die "Vornehmen" - und zugleich ein
versteckter heimlicher Wettbewerb (- man lässt ihnen den "Leib", man
will nur die "Seele" ...) Christlich ist der Hass gegen den Geist,
gegen Stolz, Muth, Freiheit, libertinage des Geistes; christlich ist
der Hass gegen die Sinne, gegen die Freuden der Sinne, gegen die
Freude überhaupt ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
22.
Dies Christenthum, als es seinen ersten Boden verliess, die niedrigsten
Stände, die Unterwelt der antiken Welt, als es unter Barbaren-Völkern
nach Macht ausgieng, hatte hier nicht mehr müde Menschen zur Voraussetzung,
sondern innerlich verwilderte und sich zerreissende, - den starken Menschen,
aber den missrathenen. Die Unzufriedenheit mit sich, das Leiden an sich
ist hier nicht wie bei dem Buddhisten eine übermässige Reizbarkeit und
Schmerzfähigkeit, vielmehr umgekehrt ein übermächtiges Verlangen nach
Wehethun, nach Auslassung der inneren Spannung in feindseligen Handlungen
und Vorstellungen. Das Christenthum hatte barbarische Begriffe und
Werthe nöthig, um über Barbaren Herr zu werden: solche sind das 
Erstlingsopfer, das Bluttrinken im Abendmahl, die Verachtung des Geistes und
der Cultur; die Folterung in allen Formen, sinnlich und unsinnlich; der
grosse Pomp des Cultus. Der Buddhismus ist eine Religion für späte Menschen,
für gütige, sanfte, übergeistig gewordne Rassen, die zu leicht Schmerz
empfinden (Europa ist noch lange nicht reif für ihn -): er ist eine
Rückführung derselben zu Frieden und Heiterkeit, zur Diät im Geistigen,
zu einer gewissen Abhärtung im Leiblichen. Das Christenthum will über
Raubthiere Herr werden; sein Mittel ist, sie krank zu machen, -
die Schwächung ist das christliche Rezept zur Zähmung, zur "Civilisation".
Der Buddhismus ist eine Religion für den Schluss und die Müdigkeit der
Civilisation, das Christenthum findet sie noch nicht einmal vor, -
es begründet sie unter Umständen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
23.
Der Buddhismus, nochmals gesagt, ist hundert Mal kälter, wahrhafter,
objektiver. Er hat nicht mehr nöthig, sich sein Leiden, seine
Schmerzfähigkeit anständig zu machen durch die Interpretation der
Sünde, - er sagt bloss, was er denkt "ich leide". Dem Barbaren dagegen
ist Leiden an sich nichts Anständiges: er braucht erst eine Auslegung,
um es sich einzugestehn, daß er leidet (sein Instinkt weist ihn eher
auf Verleugnung des Leidens, auf stilles Ertragen hin) Hier war das
Wort "Teufel" eine Wohlthat: man hatte einen übermächtigen und
furchtbaren Feind, - man brauchte sich nicht zu schämen, an einem
solchen Feind zu leiden. -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Das Christenthum hat einige Feinheiten auf dem Grunde, die zum Orient
gehören. Vor allem weiss es, daß es an sich ganz gleichgültig ist, ob
Etwas wahr <ist>, aber von höchster Wichtigkeit, sofern es als wahr
geglaubt wird. Die Wahrheit und der Glaube, daß Etwas wahr sei: zwei
ganz auseinanderliegende Interessen-Welten, fast Gegensatz - Welten -
man kommt zum Einen und zum Andren auf grundverschiednen Wegen.
Hierüber wissend zu sein - das macht im Orient beinahe den Weisen: so
verstehn es die Brahmanen, so versteht es Plato, so jeder Schüler
esoterischer Weisheit. Wenn zum Beispiel ein Glück darin liegt, sich
von der Sünde erlöst zu glauben, so thut als Voraussetzung dazu nicht
noth, daß der Mensch sündig sei, sondern daß er sich sündig fühlt.
Wenn aber überhaupt vor allem Glaube noth thut, so muß man die
Vernunft, die Erkenntniss, die Forschung in Misskredit bringen: der
Weg zur Wahrheit wird zum verbotnen Weg.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die starke Hoffnung ist ein viel grösseres Stimulans des Lebens, als
irgend ein einzelnes wirklich eintretendes Glück. Man muß Leidende durch
eine Hoffnung aufrecht erhalten, welcher durch keine Wirklichkeit
widersprochen werden kann, - welche nicht durch eine Erfüllung abgethan
wird: eine Jenseits-Hoffnung. (Gerade wegen dieser Fähigkeit, den
Unglücklichen hinzuhalten, galt die Hoffnung bei den Griechen als übel
der Übel, als das eigentlich tückische Übel: es blieb im Fass des Übels
zurück). - Damit Liebe möglich ist, muß Gott Person sein; damit die
untersten Instinkte mitreden können, muß Gott jung sein. Man hat für die
Inbrunst der Weiber einen schönen Heiligen, für die der Männer eine
Maria in den Vordergrund zu rücken. Dies unter der Voraussetzung, daß
das Christenthum auf einem Boden Herr, werden will, wo aphrodisische
oder Adonis-Culte den Begriff des Cultus bereits bestimmt haben. Die
Forderung der Keuschheit verstärkt die Vehemenz und Innerlichkeit des
religiösen Instinkts - sie macht den Cultus wärmer, schwärmerischer,
seelenvoller. - Die Liebe ist der Zustand, wo der Mensch die Dinge am
meisten so sieht, wie sie nicht sind. Die illusorische Kraft ist da
auf ihrer Höhe, ebenso die versüssende, die verklärende Kraft. Man
erträgt in der Liebe mehr als sonst, man duldet Alles. Es galt eine
Religion zu erfinden, in der geliebt werden kann: damit ist man über
das Schlimmste am Leben hinaus - man sieht es gar nicht mehr. - So
viel über die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung: ich
nenne sie die drei christlichen Klugheiten. - Der Buddhismus ist zu
spät, zu positivistisch dazu, um noch auf diese Weise klug zu sein. -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
24.
... Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie,
vor die Frage von Sein und Nichtsein gestellt, mit einer vollkommen
unheimlichen Bewusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben:
dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller
Natürlichkeit, aller Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der
äusseren. Sie grenzten sich ab gegen alle Bedingungen, unter denen
bisher ein Volk leben konnte, leben durfte, sie schufen aus sich einen
Gegensatz-Begriff zu natürlichen Bedingungen, - sie haben, der Reihe
nach, die Religion, den Cultus, die Moral, die Geschichte, die
Psychologie auf eine unheilbare Weise in den Widerspruch zu deren
Natur-Werthen umgedreht. Wir begegnen demselben Phänomene noch einmal
und in unsäglich vergrösserten Proportionen, trotzdem nur als Copie: -
die christliche Kirche entbehrt, im Vergleich zum "Volk der Heiligen",
jedes Anspruchs auf Originalität. Die Juden sind, ebendamit, das
verhängnissvollste Volk der Weltgeschichte: in ihrer Nachwirkung haben
sie die Menschheit dermaassen falsch gemacht, daß heute noch der
Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als die letzte jüdische
Consequenz zu verstehn.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Um Nein sagen zu können zu Allem, was die aufsteigende Bewegung des
Lebens, die Wohlgerathenheit, die Macht, die Schönheit, die
Selbstbejahung auf Erden darstellt, mußte hier sich der Genie
gewordne Instinkt des ressentiment eine andre Welt erfinden, von wo
aus jene Lebens-Bejahung als das Böse, als das Verwerfliche an sich
erschien.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Javeh ist der Gott Israels und folglich Gott der Gerechtigkeit:
die Logik jedes Volks, das in Macht ist und ein gutes Gewissen davon hat.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der alte Gott konnte nichts mehr von dem, was er ehemals konnte. Man
hätte ihn fahren lassen sollen. Was geschah? Man veränderte seinen
Begriff, - man entnatürlichte seinen Begriff: um diesen Preis hielt
man ihn fest. - Javeh der Gott der "Gerechtigkeit", - nicht mehr eine
Einheit mit Israel, ein Ausdruck des Volks-Selbstgefühls: nur noch ein
Gott unter Bedingungen ... Sein Begriff wird ein Werkzeug in den
Händen priesterlicher Agitatoren, welche alles Glück nunmehr als Lohn,
alles Unglück als Strafe für Ungehorsam gegen Gott, für "Sünde",
interpretiren: jene verlogenste Interpretations-Manier einer angeblich
"sittlichen Weltordnung", mit der, ein für alle Mal, der Naturbegriff
"Ursache" und "Wirkung" auf den Kopf gestellt ist. Wenn man erst, mit
Lohn und Strafe, die natürliche Causalität aus der Welt geschafft hat,
bedarf man einer widernatürlichen Causalität: der ganze Rest von
Unnatur folgt nunmehr.  Ein Gott, der fordert - an Stelle eines
Gottes, der hilft, der Rath schafft, der im Grunde das Wort ist für
jede glückliche Inspiration des Muths und des Selbstvertrauens ... Die
Moral, nicht mehr der Ausdruck der Lebens- und Wachsthums-Bedingungen
eines Volk<s>, nicht mehr sein unterster Instinkt des Lebens, sondern
abstrakt geworden, Gegensatz zum Leben geworden, - Moral als
grundsätzliche Verschlechterung der Phantasie, als "böser Blick" für
alle Dinge. Was ist jüdische, was ist christliche Moral? Der Zufall um
seine Unschuld gebracht; das Unglück mit dem Begriff "Sünde"
beschmutzt; das Wohlbefinden als Gefahr, als "Versuchung"; das
physiologische Übelbefinden mit dem Gewissens-Wurm vergiftet ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
26.
Der Gottesbegriff gefälscht; der Moralbegriff gefälscht: - die
jüdische Priesterschaft blieb dabei nicht stehn. Man konnte die ganze
Geschichte Israels nicht brauchen: fort mit ihr! - Diese Priester
haben jenes Wunderwerk von Fälschung zu Stande gebracht, als deren
Dokument uns ein guter Theil der Bibel vorliegt: sie haben ihre eigne
Volks-Vergangenheit mit einem Hohn ohne Gleichen gegen jede
Überlieferung, gegen jede historische Realität ins Religiöse
übersetzt, das heißt, aus ihr einen stupiden Heils-Mechanismus von
Schuld gegen Javeh und Strafe, von Frömmigkeit gegen Javeh und Lohn
gemacht. Wir würden diesen schmachvollsten Akt der
Geschichts-Fälschung viel schmerzhafter empfinden, wenn uns nicht die
kirchliche Geschichts-Interpretation von Jahrtausenden fast stumpf für
die Forderungen der Rechtschaffenheit in historicis gemacht hätte.
...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Und der Kirche sekundirten die Philosophen: die Lüge "der sittlichen
Weltordnung" geht durch die ganze Entwicklung selbst der neueren
Philosophie. Was bedeutet "sittliche Weltordnung"? Daß es, ein für
alle Mal, einen Willen Gottes giebt, was der Mensch zu thun, was er zu
lassen habe; daß der Werth eines Volkes, eines Einzelnen sich darnach
bemesse, wie sehr oder wie wenig dem Willen Gottes gehorcht wird; daß
in den Schicksalen eines Volkes, eines Einzelnen sich der Wille Gottes
als herrschend, das heißt als strafend und belohnend, je nach dem
Grade des Gehorsams, beweist.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die Realität an Stelle dieser erbarmungswürdigen Lüge heißt: eine
parasitische Art Mensch, die nur auf Kosten aller gesunden Bildungen
des Lebens gedeiht, der Priester, missbraucht den Namen Gottes: er nennt
einen Zustand der Dinge, in dem der Priester den Werth der Dinge bestimmt,
"das Reich Gottes"; er nennt die Mittel, vermöge deren ein solcher
Zustand erreicht oder aufrecht erhalten wird, "den Willen Gottes";
er misst, mit einem kaltblütigen Cynismus, die Völker, die Zeiten,
die Einzelnen darnach ab, ob sie der Priester-Übermacht nützten oder
widerstrebten. Man sehe sie am Werk: unter den Händen der jüdischen
Priester wurde die grosse Zeit in der Geschichte Israels eine
Verfalls-Zeit; das Exil, das lange Unglück verwandelte sich in eine
ewige Strafe für die grosse Zeit - eine Zeit, in der der Priester noch
nichts war ... Sie haben aus den mächtigen, sehr frei gerathenen Gestalten
der Geschichte Israels, je nach Bedürfniss, armselige Ducker und Mucker
oder "Gottlose" gemacht, sie haben die Psychologie jedes grossen
Ereignisses auf die Idioten-Formel "Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott"
vereinfacht.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ein Schritt weiter: der "Wille Gottes", das heißt die
Erhaltungs-Bedingungen für die Macht des Priesters, muß bekannt sein,
- zu diesem Zwecke bedarf es einer "Offenbarung". Auf deutsch: eine
grosse litterarische Fälschung wird nöthig, eine "heilige Schrift"
wird entdeckt, - unter allem hieratischen Pomp, mit Busstagen und
Jammergeschrei über die lange "Sünde" wird sie öffentlich gemacht. Der
"Wille Gottes" stand längst fest: das ganze Unheil liegt darin, daß
man sich der "heiligen Schrift" entfremdet hat ... Moses schon war der
"Wille Gottes" offenbart ... Was war geschehn? Der Priester hatte, mit
Strenge, mit Pedanterie, bis auf die grossen und kleinen Steuern, die
man ihm zu zahlen hatte (- die schmackhaftesten Stücke vom Fleisch
nicht zu vergessen: denn der Priester ist ein Beefsteak-Fresser) ein
für alle Mal formulirt, was er haben will, "was der Wille Gottes ist"
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Von nun an sind alle Dinge des Lebens so geordnet, daß der
Priester überall unentbehrlich ist; in allen natürlichen Vorkommnissen
des Lebens, bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode, gar
nicht vom Opfer ("der Mahlzeit") zu reden, erscheint der heilige
Parasit, um sie zu entnatürlichen: in seiner Sprache zu "heiligen" ...
Denn dies muß man begreifen: jede natürliche Sitte, jede natürliche
Institution (Staat, Gerichts-Ordnung, Ehe, Kranken- und Armenpflege),
jede vom Instinkt des Lebens eingegebne Forderung, kurz Alles, was
seinen Werth in sich hat, wird durch den Parasitismus des Priesters
(oder der "sittlichen Weltordnung") grundsätzlich werthlos,
werth-widrig gemacht: es bedarf nachträglich einer Sanktion, - eine
werthverleihende Macht thut noth, welche die Natur darin verneint,
welche eben damit erst einen Werth schafft ... Der Priester
entwerthet, entheiligt die Natur: um diesen Preis besteht er
überhaupt. - Der Ungehorsam gegen Gott, das heißt gegen den Priester,
gegen "das Gesetz" bekommt nun den Namen "Sünde"; die Mittel, sich
wieder "mit Gott zu versöhnen", sind, wie billig, Mittel, mit denen
die Unterwerfung unter den Priester nur noch gründlicher gewährleistet
ist: der Priester allein "erlöst" ... Psychologisch nachgerechnet
werden in jeder priesterlich organisirten Gesellschaft die "Sünden"
unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der
Priester lebt von den Sünden, er hat nöthig, daß "gesündigt" wird ...
Oberster Satz: "Gott vergiebt dem, der Busse thut" - auf deutsch: der
sich dem Priester unterwirft. -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
27.
Auf einem dergestalt falschen Boden, wo jede Natur, jeder Natur-Werth,
jede Realität die tiefsten Instinkte der herrschenden Klasse wider
sich hatte, wuchs das Christenthum auf, eine Todfeindschafts-Form
gegen die Realität, die bisher nicht übertroffen worden ist. Das
"heilige Volk", das für alle Dinge nur Priester-Werthe, nur
Priester-Worte übrig behalten hatte, und mit einer
Schluss-Folgerichtigkeit, die Furcht einflössen kann, Alles, was sonst
noch an Macht auf Erden bestand, als "unheilig", als "Welt", als
"Sünde" von sich abgetrennt hatte - dies Volk brachte für seinen
Instinkt eine letzte Formel hervor, die logisch war bis zur
Selbstverneinung: es verneinte, als Christenthum, noch die letzte Form
der Realität, das "heilige Volk", das "Volk der Ausgewählten", die
jüdische Realität selbst. Der Fall ist ersten Rangs: die kleine
aufständische Bewegung, die auf den Namen des Jesus von Nazareth
getauft wird, ist der jüdische Instinkt noch einmal, - anders gesagt,
der Priester-Instinkt, der den Priester als Realität nicht mehr
verträgt, die Erfindung einer noch abgezogneren Daseinsform, einer
noch unrealeren Vision der Welt, als sie die Organisation einer Kirche
bedingt. Das Christenthum verneint die Kirche ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ich sehe nicht ab, wogegen der Aufstand gerichtet war, als dessen
Urheber Jesus verstanden oder missverstanden worden ist, wenn es nicht
der Aufstand gegen die jüdische Kirche war, Kirche genau in dem Sinn
genommen, in dem wir heute das Wort nehmen. Es war ein Aufstand gegen
"die Guten und Gerechten", gegen "die Heiligen Israels", gegen die
Hierarchie der Gesellschaft - nicht gegen deren Verderbniss, sondern
gegen die Kaste, das Privilegium, die Ordnung, die Formel; es war der
Unglaube an die "höheren Menschen", das Nein gesprochen gegen Alles,
was Priester und Theologe war. Aber die Hierarchie, die damit, wenn
auch nur für einen Augenblick, in Frage gestellt wurde, war der
Pfahlbau, auf dem das jüdische Volk, mitten im "Wasser", überhaupt
noch fortbestand, die mühsam errungene letzte Möglichkeit, übrig zu
bleiben, das residuum seiner politischen Sonder-Existenz: ein Angriff
auf sie war ein Angriff auf den tiefsten Volks-Instinkt, auf den
zähesten Volks-Lebens-Willen, der je auf Erden dagewesen ist. Dieser
heilige Anarchist, der das niedere Volk, die Ausgestossnen und
"Sünder", die Tschandala innerhalb des Judenthums zum Widerspruch
gegen die herrschende Ordnung aufrief - mit einer Sprache, falls den
Evangelien zu trauen wäre, die auch heute noch nach Sibirien führen
würde, war ein politischer Verbrecher, so weit eben politische
Verbrecher in einer absurd-unpolitischen Gemeinschaft möglich waren.
Dies brachte ihn an's Kreuz: der Beweis dafür ist die Aufschrift des
Kreuzes. Er starb für seine Schuld, - es fehlt jeder Grund dafür, so
oft es auch behauptet worden ist, daß er für die Schuld Andrer starb.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
28.
...
Ich bekenne, daß ich wenige Bücher mit solchen Schwierigkeiten lese
wie die Evangelien. Diese Schwierigkeiten sind andre, als die, an
deren Nachweis die gelehrte Neugierde des deutschen Geistes einen
ihrer unvergesslichsten Triumphe gefeiert hat. Die Zeit ist fern, wo
auch ich, gleich jedem jungen Gelehrten, mit der klugen Langsamkeit
eines raffinirten Philologen das Werk des unvergleichlichen Strauss
auskostete. Damals war ich zwanzig Jahr alt: jetzt bin ich zu ernst
dafür. Was gehen mich die Widersprüche der "Überlieferung" an? Wie
kann man Heiligen-Legenden überhaupt "Überlieferung" nennen! Die
Geschichten von Heiligen sind die zweideutigste Litteratur, die es
überhaupt giebt: auf sie die wissenschaftliche Methode anwenden, wenn
sonst keine Urkunden vorliegen, scheint mir von vornherein verurtheilt
- blosser gelehrter Müssiggang ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Was mich angeht, ist der psychologische Typus des Erlösers. ...
Die Versuche, die ich kenne, aus den Evangelien sogar die Geschichte
einer "Seele" herauszulesen, scheinen mir Beweise einer verabscheuungswürdigen
psychologischen Leichtfertigkeit. Herr Renan, dieser Hanswurst in
psychologicis, hat die zwei ungehörigsten Begriffe zu seiner Erklärung
des Typus Jesus hinzugebracht, die es hierfür geben kann: den Begriff
Genie und den Begriff Held ("héros").  ...
Aus Jesus einen Helden machen! - Und was
für ein Missverständniss ist gar das Wort "Genie"! Unser ganzer
Begriff, unser Cultur-Begriff "Geist" hat in der Welt, in der Jesus
lebt, gar keinen Sinn. Mit der Strenge des Physiologen gesprochen,
wäre hier ein ganz andres Wort eher noch am Platz: das Wort Idiot.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Wir kennen einen Zustand krankhafter Reizbarkeit des Tastsinns, der dann
vor jeder Berührung, vor jedem Anfassen eines festen Gegenstandes
zurückschaudert. Man übersetze sich einen solchen physiologischen
habitus in seine letzte Logik - als Instinkt-Hass gegen jede Realität,
als Flucht in's "Unfassliche", in's "Unbegreifliche", als Widerwille
gegen jede Formel, jeden Zeit- und Raumbegriff, gegen Alles, was fest,
Sitte, Institution, Kirche ist, als Zu-Hause-sein in einer Welt, an
die keine Art Realität mehr rührt, einer bloss noch "inneren" Welt,
einer "wahren" Welt, einer "ewigen" Welt ... "Das Reich Gottes ist in
euch" ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Antichrist)
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
30.
Der Instinkt-Hass gegen die Realität: Folge einer extremen Leid- und
Reizfähigkeit, welche überhaupt nicht mehr "berührt" werden will, weil
sie jede Berührung zu tief empfindet.

Die Instinkt-Ausschliessung aller Abneigung, aller Feindschaft, aller
Grenzen und Distanzen im Gefühl: Folge einer extremen Leid- und
Reizfähigkeit, welche jedes Widerstreben, Widerstreben-Müssen bereits
als unerträgliche Unlust (das heißt als schädlich, als vom
Selbsterhaltungs-Instinkte widerrathen) empfindet und die Seligkeit
(die Lust) allein darin kennt, nicht mehr, Niemandem mehr, weder dem
übel, noch dem Bösen, Widerstand zu leisten, - die Liebe als einzige,
als letzte Lebens-Möglichkeit ...

Dies sind die zwei physiologischen Realitäten, auf denen, aus denen
die Erlösungs-Lehre gewachsen ist. Ich nenne sie eine sublime
Weiter-Entwicklung des Hedonismus auf durchaus morbider Grundlage.
Nächstverwandt, wenn auch mit einem grossen Zuschuss von griechischer
Vitalität und Nervenkraft, bleibt ihr der Epicureismus, die
Erlösungs-Lehre des Heidenthums. Epicur ein typischer décadent: zuerst
von mir als solcher erkannt. - Die Furcht vor Schmerz, selbst vor dem
Unendlich-Kleinen im Schmerz - sie kann gar nicht anders enden als in
einer Religion der Liebe ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
31.
Ich habe meine Antwort auf das Problem vorweg gegeben. Die
Voraussetzung für sie ist, daß der Typus des Erlösers uns nur in
einer starken Entstellung erhalten ist. Diese Entstellung hat an sich
viel Wahrscheinlichkeit: ein solcher Typus konnte aus mehreren Gründen
nicht rein, nicht ganz, nicht frei von Zuthaten bleiben. Es muß
sowohl das milieu, in dem sich diese fremde Gestalt bewegte, Spuren an
ihm hinterlassen haben, als noch mehr die Geschichte, das Schicksal
der ersten christlichen Gemeinde: aus ihm wurde, rückwirkend, der
Typus mit Zügen bereichert, die erst aus dem Kriege und zu Zwecken der
Propaganda verständlich werden. Jene seltsame und kranke Welt, in die
uns die Evangelien einführen - eine Welt, wie aus einem russischen
Romane, in der sich Auswurf der Gesellschaft, Nerven leiden und
"kindliches" Idiotenthum ein Stelldichein zu geben scheinen - muß
unter allen Umständen den Typus vergröbert haben: die ersten Jünger in
Sonderheit übersetzten ein ganz in Symbolen und Unfasslichkeiten
schwimmendes Sein erst in die eigne Crudität, um überhaupt Etwas davon
zu verstehn, - für sie war der Typus erst nach einer Einformung in
bekanntere Formen vorhanden ... Der Prophet, der Messias, der
zukünftige Richter, der Morallehrer, der Wundermann, Johannes der
Täufer - ebensoviele Gelegenheiten, den Typus zu verkennen ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Einstweilen klafft ein Widerspruch zwischen dem Berg-, See-
und Wiesen-Prediger, dessen Erscheinung wie ein Buddha auf einem sehr
wenig indischen Boden anmuthet, und jenem Fanatiker des Angriffs, dem
Theologen- und Priester-Todfeind, den Renan's Bosheit als "le grand
maitre en ironie" verherrlicht hat. Ich selber zweifle nicht daran,
daß das reichliche Maass Galle (und selbst von esprit) erst aus dem
erregten Zustand der christlichen Propaganda auf den Typus des
Meisters übergeflossen ist: man kennt ja reichlich die
Unbedenklichkeit aller Sektirer, aus ihrem Meister sich ihre Apologie
zurechtzumachen. Als die erste Gemeinde einen richtenden, hadernden,
zürnenden, bösartig spitzfindigen Theologen nöthig hatte, gegen
Theologen, schuf sie sich ihren "Gott" nach ihrem Bedürfnisse: wie sie
ihm auch jene völlig unevangelischen Begriffe, die sie jetzt nicht
entbehren konnte, "Wiederkunft", "jüngstes Gericht", jede Art
zeitlicher Erwartung und Verheißung ohne Zögern in den Mund gab. -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
32.
Ich wehre mich, nochmals gesagt, dagegen, daß man den Fanatiker in
den Typus des Erlösers einträgt: das Wort impérieux, das Renan
gebraucht, annullirt allein schon den Typus. Die "gute Botschaft" ist
eben, daß es keine Gegensätze mehr giebt; das Himmelreich gehört den
Kindern; der Glaube, der hier laut wird, ist kein erkämpfter Glaube, -
er ist da, er ist von Anfang, er ist gleichsam eine ins Geistige
zurückgetretene Kindlichkeit. Der Fall der verzögerten und im
Organismus unausgebildeten Pubertät als Folgeerscheinung der
Degenerescenz ist wenigstens den Physiologen vertraut. - Ein solcher
Glaube zürnt nicht, tadelt nicht, wehrt sich nicht: er bringt nicht
"das Schwert", - er ahnt gar nicht, in wiefern er einmal trennen
könnte. Er beweist sich nicht, weder durch Wunder, noch durch Lohn und
Verheißung, noch gar "durch die Schrift": er selbst ist jeden
Augenblick sein Wunder, sein Lohn, sein Beweis, sein "Reich Gottes".
Dieser Glaube formulirt sich auch nicht - er lebt, er wehrt sich gegen
Formeln.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Freilich bestimmt der Zufall der Umgebung, der Sprache, der
Vorbildung einen gewissen Kreis von Begriffen: das erste Christenthum
handhabt nur jüdischsemitische Begriffe (- das Essen und Trinken beim
Abendmahl gehört dahin, jener von der Kirche, wie alles jüdische, so
schlimm missbrauchte Begriff) Aber man hüte sich darin mehr als eine
Zeichenrede, eine Semiotik, eine Gelegenheit zu Gleichnissen zu sehn.
Gerade, daß kein Wort wörtlich genommen wird, ist diesem
Anti-Realisten die Vorbedingung, um überhaupt reden zu können. Unter
Indern würde er sich der Sankhyam-Begriffe, unter Chinesen der des
Laotse bedient haben - und keinen Unterschied dabei fühlen. - Man
könnte, mit einiger Toleranz im Ausdruck, Jesus einen "freien Geist"
nennen - er macht sich aus allem Festen nichts: das Wort tödtet, alles
was fest ist, tödtet. Der Begriff, die Erfahrung "Leben", wie er sie
allein kennt, widerstrebt bei ihm jeder Art Wort, Formel, Gesetz,
Glaube, Dogma. Er redet bloss vom Innersten: "Leben" oder "Wahrheit"
oder "Licht" ist sein Wort für das Innerste, - alles übrige, die ganze
Realität, die ganze Natur, die Sprache selbst, hat für ihn bloss den
Werth eines Zeichens, eines Gleichnisses. - 
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Man darf sich an dieser Stelle durchaus nicht vergreifen, so gross auch die
Verführung ist, welche im christlichen, will sagen kirchlichen Vorurtheil
liegt: Eine solche Symbolik par excellence steht ausserhalb aller Religion,
aller Cult-Begriffe, aller Historie, aller Naturwissenschaft, aller
Welt-Erfahrung, aller Kenntnisse, aller Politik, aller Psychologie,
aller Bücher, aller Kunst - sein "Wissen" ist eben, die reine
Thorheit darüber, daß es Etwas dergleichen giebt. Die Cultur ist ihm
nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen Kampf gegen sie
nöthig, - er verneint sie nicht ... Dasselbe gilt vom Staat, von der
ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von der Arbeit, vom
Kriege - er hat nie einen Grund gehabt, "die Welt" zu verneinen, er
hat den kirchlichen Begriff "Welt" nie geahnt ... Das Verneinen ist
eben das ihm ganz Unmögliche. - Insgleichen fehlt die Dialektik, es
fehlt die Vorstellung dafür, daß ein Glaube, eine "Wahrheit" durch
Gründe bewiesen werden könnte (- seine Beweise sind innere "Lichter",
innere Lust-Gefühle und Selbstbejahungen, lauter "Beweise der Kraft"
-) Eine solche Lehre kann auch nicht widersprechen, sie begreift gar
nicht, daß es andre Lehren giebt, geben kann, sie weiss sich ein
gegentheiliges Urtheilen gar nicht vorzustellen ... Wo sie es
antrifft, wird sie aus innerstem Mitgefühle über "Blindheit" trauern,
- denn sie sieht das "Licht" -, aber keinen Einwand machen ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
34.
...
Ich schäme mich daran zu erinnern, was die Kirche aus diesem Symbolismus
gemacht hat: hat sie nicht eine Amphitryon-Geschichte an die Schwelle des
christlichen "Glaubens" gesetzt? Und ein Dogma von der "unbefleckten
Empfängniss" noch obendrein? ... Aber damit hat sie die Empfängniss
befleckt ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
35.
Dieser "frohe Botschafter" starb wie er lebte, wie er lehrte - nicht
um "die Menschen zu erlösen", sondern um zu zeigen, wie man zu leben
hat. Die Praktik ist es, welche er der Menschheit hinterliess: sein
Verhalten vor den Richtern, vor den Häschern, vor den Anklägern und
aller Art Verleumdung und Hohn, - sein Verhalten am Kreuz. Er
widersteht nicht, er vertheidigt nicht sein Recht, er thut keinen
Schritt, der das Äusserste von ihm abwehrt, mehr noch, er fordert es
heraus... Und er bittet, er leidet, er liebt mit denen, in denen, die
ihm Böses thun ... Die Worte zum Schächer am Kreuz enthalten das ganze
Evangelium. "Das ist wahrlich ein göttlicher Mensch gewesen, ein Kind
Gottes" sagt der Schächer. "Wenn du dies fühlst - anwortet der Erlöser
- so bist du im Paradiese, so bist auch du ein Kind Gottes ..." Nicht
sich wehren, nicht zürnen, nicht verantwortlich-machen ... Sondern
auch nicht dem Bösen widerstehen, - ihn lieben...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
36.
Erst wir, wir freigewordenen Geister, haben die Voraussetzung dafür,
Etwas zu verstehn, das neunzehn Jahrhunderte missverstanden haben, -
jene Instinkt und Leidenschaft gewordene Rechtschaffenheit, welche der
"heiligen Lüge" noch mehr als jeder andren Lüge den Krieg macht ...
Man war unsäglich entfernt von unsrer liebevollen und vorsichtigen
Neutralität, von jener Zucht des Geistes, mit der allein das Errathen
so fremder, so zarter Dinge ermöglicht wird: man wollte jeder Zeit,
mit einer unverschämten Selbstsucht, nur seinen Vortheil darin, man
hat aus dem Gegensatz zum Evangelium die Kirche aufgebaut ...

Wer nach Zeichen dafür suchte, daß hinter dem grossen Welten-Spiel
eine ironische Göttlichkeit die Finger handhabte, er fände keinen
kleinen Anhalt in dem ungeheuren Fragezeichen, das Christenthum
heißt. Daß die Menschheit vor dem Gegensatz dessen auf den Knien
liegt, was der Ursprung, der Sinn, das Recht des Evangeliums war, daß
sie in dem Begriff "Kirche" gerade das heilig gesprochen hat, was der
"frohe Botschafter" als unter sich, als hinter sich empfand - man
sucht vergebens nach einer grösseren Form welthistorischer Ironie -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum.
37.
- Unser Zeitalter ist stolz auf seinen historischen Sinn: wie hat es
sich den Unsinn glaublich machen können, daß an dem Anfange des
Christenthums die grobe Wunderthäter - und Erlöser-Fabel steht, - und
daß alles Spirituale und Symbolische erst eine spätere Entwicklung
ist? Umgekehrt: die Geschichte des Christenthums - und zwar vom Tode
am Kreuze an - ist die Geschichte des schrittweise immer gröberen
Missverstehns eines ursprünglichen Symbolismus. Mit jeder Ausbreitung
des Christenthums über noch breitere, noch rohere Massen, denen die
Voraussetzungen immer mehr abgiengen, aus denen es geboren ist, wurde
es nöthiger, das Christenthum zu vulgarisiren, zu barbarisiren, - es
hat Lehren und Riten aller unterirdischen Culte des imperium Romanurn,
es hat den Unsinn aller Arten kranker Vernunft in sich eingeschluckt.
Das Schicksal des Christenthums liegt in der Nothwendigkeit, daß sein
Glaube selbst so krank, so niedrig und vulgär werden mußte, als die
Bedürfnisse krank, niedrig und vulgär waren, die mit ihm befriedigt
werden sollten. Als Kirche summirt sich endlich die kranke Barbarei
selbst zur Macht, - die Kirche diese Todfeindschaftsform zu jeder
Rechtschaffenheit, zu jeder Höhe der Seele, zu jeder Zucht des
Geistes, zu jeder freimüthigen und gütigen Menschlichkeit. - Die
christlichen - die vornehmen Werthe: erst wir, wir freigewordnen
Geister, haben diesen grössten Werth-Gegensatz, den es giebt,
wiederhergestellt! - -
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer nicht. Es giebt Tage,
wo mich ein Gefühl heimsucht, schwärzer als die schwärzeste
Melancholie - die Menschen-Verachtung. Und damit ich keinen Zweifel
darüber lasse, was ich verachte, wen ich verachte: der Mensch von
heute ist es, der Mensch, mit dem ich verhängnissvoll gleichzeitig
bin. Der Mensch von heute - ich ersticke an seinem unreinen Athem ...
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Gegen das Vergangne bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer
grossen Toleranz, das heißt grossmüthigen Selbstbezwingung: ich gehe
durch die Irrenhaus-Welt ganzer Jahrtausende, heiße sie nun
"Christenthum", "christlicher Glaube", "christliche Kirche" mit einer
düsteren Vorsicht hindurch, - ich hüte mich, die Menschheit für ihre
Geisteskrankheiten verantwortlich zu machen. Aber mein Gefühl schlägt
um, bricht heraus, sobald ich in die neuere Zeit, in unsre Zeit
eintrete. Unsre Zeit ist wissend ... Was ehemals bloss krank war,
heute ward es unanständig, - es ist unanständig, heute Christ zu sein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Und hier beginnt mein Ekel. - Ich sehe mich um: es ist kein Wort von
dem mehr übrig geblieben, was ehemals "Wahrheit" hiess, wir halten es
nicht einmal mehr aus, wenn ein Priester das Wort "Wahrheit" auch nur
in den Mund nimmt. Selbst bei dem bescheidensten Anspruch auf
Rechtschaffenheit muß man heute wissen, daß ein Theologe, ein
Priester, ein Papst mit jedem Satz, den er spricht, nicht nur irrt,
sondern lügt, - daß es ihm nicht mehr freisteht, aus "Unschuld", aus
"Unwissenheit" zu lügen. Auch der Priester weiss, so gut es Jedermann
weiss, daß es keinen "Gott" mehr giebt, keinen "Sünder", keinen
"Erlöser", - daß "freier Wille", "sittliche Weltordnung" Lügen sind:
- der Ernst, die tiefe Selbstüberwindung des Geistes erlaubt Niemandem
mehr, hierüber nicht zu wissen ... Alle Begriffe der Kirche sind
erkannt als das was sie sind, als die bösartigste Falschmünzerei, die
es giebt, zum Zweck, die Natur, die Natur-Werthe zu entwerthen; der
Priester selbst ist erkannt als das, was er ist, als die gefährlichste
Art Parasit, als die eigentliche Giftspinne des Lebens
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wir wissen, unser Gewissen weiss es heute -, was überhaupt jene unheimlichen
Erfindungen der Priester und der Kirche werth sind, wozu sie dienten,
mit denen jener Zustand von Selbstschändung der Menschheit erreicht
worden ist, der Ekel vor ihrem Anblick machen kann - die Begriffe
"Jenseits", "jüngstes Gericht", "Unsterblichkeit der Seele", die
"Seele" selbst; es sind Folter-Instrumente, es sind Systeme von
Grausamkeiten, vermöge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb ...
Jedermann weiss das: und trotzdem bleibt Alles beim Alten. Wohin kam
das letzte Gefühl von Anstand, von Achtung vor sich selbst, wenn
unsere Staatsmänner sogar, eine sonst sehr unbefangne Art Menschen und
Antichristen der That durch und durch, sich heute noch Christen nennen
und zum Abendmahl gehn? ... Ein junger Fürst, an der Spitze seiner
Regimente<r>, prachtvoll als Ausdruck der Selbstsucht und
Selbstüberhebung seines Volks, - aber, ohne jede Scham, sich als
Christen bekennend! ... Wen verneint denn das Christenthum? was heißt
es "Welt"? Daß man Soldat, daß man Richter, daß man Patriot ist;
daß man sich wehrt; daß man auf seine Ehre hält; daß man seinen
Vortheil will; daß man stolz ist ... Jede Praktik jedes Augenblicks,
jeder Instinkt, jede zur That werdende Werthschätzung ist heute
antichristlich: was für eine Missgeburt von Falschheit muß der
moderne Mensch sein, daß er sich trotzdem nicht schämt, Christ noch
zu heißen!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Drücken wir das Abbild der Ewigkeit auf unser Leben!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
%
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch - ein 
Seil über dem Abgrunde.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Der Mut schlägt auch den Schwindel tot an Abgründen: Und wo stünde 
der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber - Abgründe sehen?
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
%
Gipfel und Abgrund sind eins.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in 
dich hinein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Alle Menschen machen sich, wie zu allen Zeiten, auch jetzt noch zu
Sklaven und Freien; denn wer von einem Tag nicht mindestens ein
Drittel für sich hat, ist ein Sklave, mag er Minister oder Arbeiter
sein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Gelobt sei, was hart macht!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
%
Von dem, was du erkennen und messen willst, mußt du Abschied nehmen,
wenigstens auf eine Zeit. Erst wenn du die Stadt verlassen hast,
siehst du, wie hoch sich ihre Türme über die Häuser erheben.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches)
%
Du willst nach deinen Absichten bemessen sein und nicht nach deinen 
Wirkungen? Aber woher hast du denn deine Absichten? Aus deinen Wirkungen!
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche, Nachlaß (Unschuld des Werdens)
%
Für das, was einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Der Wille zur Macht)
%
Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, umso mehr 
mußt du noch die Sinne zu ihr verführen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse)
%
Damit der Mensch vor sich Achtung haben kann, muß er fähig sein, 
auch böse zu sein.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Aberglaube ist nämlich die Freigeisterei zweiten Ranges - wer sich ihm
ergibt, wählt gewisse ihm zusagende Formen und Formeln aus und erlaubt
sich ein Recht der Wahl. Der Abergläubische ist im Vergleich mit dem
Religiösen immer viel mehr "Person" als dieser, und eine
abergläubische Gesellschaft wird eine solche sein, in der es schon
viele Individuen und Lust am Individuellen gibt. Von diesem Standpunkt
aus gesehen, erscheint der Aberglaube immer als ein Fortschritt gegen
den Glauben und als Zeichen dafür, daß der Intellekt unabhängiger wird
und sein Recht haben will. Über Korruption klagen dann die Verehrer
der alten Religion und Religiosität - sie haben bisher auch den
Sprachgebrauch bestimmt und dem Aberglauben eine üble Nachrede selbst
bei den freiesten Geistern gemacht. Lernen wir, daß er ein Symptom der
Aufklärung ist.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Die fröhliche Wissenschaft)
%
Der große Vorzug adliger Abkunft ist, daß sie die Armut besser
ertragen läßt.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Morgenröte)
%
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in
euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der
Mensch mehr Affe als irgendein Affe.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
%
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden:
deshalb hören Mann und Weib nicht auf sich mißzuverstehen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Gedanken sind Zeichen von einem Spiel und Kampf der Affekte.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
"Ähnliche Qualitäten", sollten wir sagen, statt "gleich".
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Ähnlichseherei und Gleichmacherei sind das Merkmal schwacher Augen.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Man nimmt die unerklärte dunkle Sache wichtiger als die erklärte 
helle.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Durch Alkohol bringt man sich auf Stufen der Kultur zurück, die man 
überwunden hat.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Die größte Almosenspenderin ist die Feigheit.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Tut Dir ein Freund Übles, so sprich: "Ich vergebe Dir, was Du mir tatest.
Daß Du es aber Dir tatest, wie könnte ich das vergeben!"
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
%
Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser 
Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.
		-- Friedrich Wilhelm Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
%
